Das Bild, das sich selbst zerstörte — und dadurch 20 Mal wertvoller wurde
Kunst-Geschichten

Das Bild, das sich selbst zerstörte — und dadurch 20 Mal wertvoller wurde

11. Mai 2025

Am 5. Oktober 2018 fiel der Hammer bei Sotheby's in London. 1,04 Millionen Pfund für "Girl with Balloon" von Banksy — ein Werk, das der Anonyme schon 2006 auf einer Londoner Hauswand gesprüht und das seither in verschiedenen Versionen als Druck und Leinwand existiert hatte. Die Bieter klatschten, das Werk wurde verpackt, und dann passierte es.

Ein Alarm ertönte. Der Rahmen begann zu rattern. Und vor den Augen des Saales begann das Gemälde, durch einen im Rahmen versteckten Schredder zu laufen.

In Sekunden war die untere Hälfte in Streifen zerfallen. Dann blieb das Werk stecken — halbzerstört, halb intakt.

Banksy postete später ein Video auf Instagram. "Geht nicht in die Freiheit."

Was danach kam

Die neue Besitzerin — eine europäische Sammlerin, die anonym blieb — hätte den Kauf anfechten können. Sotheby's bot die Möglichkeit an. Sie lehnte ab.

Drei Jahre später, im Oktober 2021, wurde das Werk — jetzt umbenannt in "Love is in the Bin" — erneut bei Sotheby's versteigert. Diesmal vollständig eingeschreddert, in den Streifen hängend, als neues Werk authentifiziert. Der Erlös: 18,58 Millionen Pfund.

Das 18-fache des ursprünglichen Preises. In drei Jahren.

Wie das möglich ist

Die naheliegende Erklärung: der Skandal hat das Werk berühmt gemacht, und Berühmtheit im Kunstmarkt zieht Käufer an. Das stimmt.

Aber die vollständige Geschichte ist komplizierter. "Love is in the Bin" ist nicht dasselbe Werk wie "Girl with Balloon". Es ist ein neues Werk — entstanden durch den Akt der Zerstörung. Die Zerstörung ist Teil des Werkes geworden. Das, was Banksy als Kommentar auf den Kunstmarkt inszeniert hatte ("Wer kauft, zerstört"), wurde paradoxerweise zum Bestandteil eines noch teureren Werkes.

Banksy kommentierte das später selbst, trocken und präzise: "In der Vergangenheit, wenn ich versuchte, ein Werk zu zerstören, hat es seinen Wert gesteigert."

Das ist keine ironische Anmerkung am Rand. Das ist eine Beobachtung über die innere Logik des Hochpreis-Kunstmarktes, die nichts mit Ästhetik zu tun hat.

Was Banksy über den Kunstmarkt sagt

Banksy existiert als persona, als Gesamtkunstwerk — die Anonymität, die Straßenkunst, die Anti-Establishment-Geste. Alles ist Positionierung. Das macht seine Kritik am Kunstmarkt nicht unehrlich, aber es macht sie komplex.

Denn Banksy operiert innerhalb des Systems, das er kritisiert. Seine Werke werden bei Sotheby's versteigert. Sein Werk "Devolved Parliament" (Schimpansen im House of Commons) erzielte 2019 über neun Millionen Pfund. Er ist einer der bekanntesten und teuersten lebenden Künstler der Welt — selbst wenn niemand weiß, wer er ist.

Die Selbstzerstörung von "Girl with Balloon" war kein Angriff auf den Kunstmarkt. Sie war eine Performance innerhalb des Kunstmarktes, die diesen Markt stärker machte, nicht schwächer.

Das ist nicht zynisch. Es ist nur ehrlich.

Was das über Wert im Kunstmarkt sagt

Die Geschichte legt etwas frei, das viele Menschen beim Kunstmarkt unbequem finden: Wert ist keine Eigenschaft des Objektes. Wert ist das Ergebnis von Aufmerksamkeit, Geschichte, Institutionen und — zunehmend — medialer Erzählung.

Ein Gemälde, über das niemand spricht, das nirgendwo ausgestellt war, das kein Auktionshaus kennt — dessen Wert ist schwer zu bestimmen. Dasselbe Gemälde, das in der Tate Modern gehangen hat, das in Büchern erwähnt wurde, das auf einer Auktion stand, gewinnt Wert nicht durch seine Qualität, sondern durch seine Geschichte.

Das ist beim Hochpreismarkt besonders sichtbar. Aber die Grunddynamik gilt auch im mittleren Segment.

Wie lange hatte Banksy das geplant?

Länger als man denkt. Das ist vielleicht der faszinierendste Teil der Geschichte.

Nach dem Vorfall bei Sotheby's veröffentlichte Banksy ein Video, in dem er zeigte, wie er den Schredder in den Rahmen eingebaut hatte — Jahre zuvor, in Vorbereitung auf genau diesen Moment. Der Rahmen war speziell angefertigt worden, der Mechanismus wurde per Fernbedienung ausgelöst. Und: Er hätte das gesamte Bild schreddern sollen, nicht nur die Hälfte. Die Batterien versagten auf halber Strecke.

Was das bedeutet: Der Effekt — halbzerstört, halbintakt — war ein Zufall. Banksy hatte eine komplette Zerstörung geplant. Stattdessen bekam die Welt ein Werk, das in seiner halbfertigen Beschädigung eine andere, vielleicht stärkere Aussage hatte als ein vollständig zerschnittenes Bild.

Der Kunstmarkt hat das Ergebnis höher bewertet als das Original. Ob Banksy das so vorhergesehen hat, ist offen. Was sicher ist: Er hat es nicht verhindert.

Was das für Kunstkäufer bedeutet — der pragmatische Teil

Wenn Sie Kunst kaufen, kaufen Sie auch eine Geschichte. Bei Banksy ist das die Geschichte der Straßenkunst, der Anonymität, der Provokation. Bei einem zeitgenössischen Galeriekünstler ist es die Geschichte seiner Entwicklung, seiner Ausstellungen, seiner Anerkennung.

Diese Geschichte ist nicht nebensächlich — sie ist ein Teil des Wertes. Und sie sollte übertragbar sein: durch Zertifikate, Dokumentation, Galerierechnung, Ausstellungshistorie.

Wer bei einer seriösen Galerie kauft, kauft mit. Was bei Kunstmessen oder dubiosen Online-Plattformen fehlt, ist genau das: die dokumentierte Geschichte, die dem Werk folgt.

Für alle Werke, die wir verkaufen, stellen wir vollständige Dokumentation aus — Echtheits­zertifikat, Maße, Entstehungsjahr, Kurzvita des Künstlers. Das klingt selbstverständlich. Ist es nicht überall.

Was bleibt, wenn das Schreddern aufhört

Die Geschichte von "Love is in the Bin" ist eine gute Geschichte. Sie ist lustig, intelligent und absurd auf einmal. Und sie ist ein präzises Röntgenbild des Hochpreis-Kunstmarktes.

Was sie über den Rest des Marktes sagt — über die Galerie um die Ecke, über das Originalgemälde, das in einer Berliner Kanzlei hängt —: relativ wenig. Dieser Teil des Marktes funktioniert anders. Hier geht es nicht um Spektakel. Es geht darum, was ein Werk mit einem Raum macht. Mit den Menschen, die täglich daran vorbeigehen.

Und noch etwas: Banksys Geschichte fasziniert, weil sie Widersprüche inszeniert. Kunst die sich zerstört. Wert der durch Zerstörung entsteht. Anonymität die zur Berühmtheit führt. Diese Widersprüche sind unterhaltsam als Mediengeschichte. Als Grundlage für eine eigene Entscheidung — was hänge ich in mein Büro, was kaufe ich, worauf kommt es mir an — taugen sie wenig.

Wer Kunst wirklich in seinen Alltag einbinden will, sucht das Gegenteil von Spektakel. Er sucht etwas, das bleibt. Das jedes Mal wirkt, wenn man daran vorbeigeht, ob man es sieht oder nur spürt. Ein gutes Gemälde tut das — ohne Schredder, ohne Auktionshaus, ohne Pressemitteilung.

Das lässt sich nicht schreddern.

Kunst, die bleibt — von uns

Kein Schredder, kein Spektakel: Wir bringen Ihnen Werke an die Wand, die jeden Tag wirken — aus dem eigenen Atelier, mit vollständiger Dokumentation. Seit fast 35 Jahren beraten wir Berliner Unternehmen und Privatpersonen. Lassen Sie sich von uns beraten: Kunst mieten, kaufen oder leasen, die ersten 14 Tage kostenlos.

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